Was sonst noch so zusammenkommt...
allerlei "seemännische Handarbeiten", Kollagen, Kurzgeschichten.
Seemännische Handarbeiten
Von Tauwerksarbeiten, Schiffsstempeln, Buddelschiffen und Hinterglasbildern
Kollagen
Tausend Augen, und das Rilke-Projekt.
Sommergeschichten
Bei langen Nachtwachen am Ruder, oder auch am Steuer im Auto, kommen mir manchmal die merkwürdigsten Ideen. Ein paar davon habe ich in einem kleinen Buch zusammengefasst. Eine davon ist sogar wahr. Aber nicht diese hier.
Der Mann, der übers Wasser ging
Ich bemerkte ihn am Ufer, als ich bei ziemlicher Flaute mit meinem Jollenkreuzer ganz langsam um die kleine Insel herumkam. Der Typ sah gut aus, brauner Lockenkopf, drahtige Figur, nur mit einer kurzen Hose bekleidet, und vom Kopf bis zu den nackten Füßen dezent gebräunt.
Als Nächstes fiel mir auf, dass er schon ein Stück vom Ufer entfernt war und ich dennoch seine Füße sehen konnte.
Eigentlich war er sogar schon sehr nahe an der Fahrrinne. Schrecksekunde: gab es da eine neue Sandbank, auf der er stand? Oder ein Unterwasserhindernis, das ich noch nicht kannte, ein Wrack vielleicht?
Er muss mir meinen Schreck angemerkt haben, denn er rief: „Keine Panik, hier ist keine Untiefe, ich stehe auf dem Wasser.“ Daraufhin habe ich wohl besonders dumm aus der Wäsche geguckt, denn er fuhr fort: „Nein, ich bin nicht Jesus, ich heiße Nick. Darf ich trotzdem kurz an Bord kommen? Das hier ist nämlich ziemlich anstrengend.“
Ich hängte ihm eine kleine Strickleiter an den Wanten hinaus. Er patschte vorsichtig darauf zu, zog sich hoch und saß jetzt an Deck. Wirklich, seine Hose war trocken, und andererseits schwamm meine „SEEROSE“ weiter, ohne irgendein Unterwasserhindernis berührt zu haben.
„Ob du nun Nick heißt oder Jesus, es ist jedenfalls eine ungewöhnliche Fortbewegungsart. Machst Du das schon lange?“
„Nein, ich hab es erst vor einer Woche bei einem Strandspaziergang entdeckt, dass ich das kann. Das Wasser muss ganz glatt sein, und man muss sich sehr darauf konzentrieren, sonst sackt man gleich durch. Darum ist es auch so anstrengend.“
„So etwas Außergewöhnliches hätte man doch längst in der Zeitung lesen müssen“, fand ich.
Jetzt kam er in Fahrt. „Das ist doch genau das Problem. Ich habe hin und her überlegt. Wenn das öffentlich wird, stehe ich als Jahrmarktattraktion da, oder als Schwindler, oder als Guru. Das ist nun überhaupt nicht meine Vorstellung vom Leben!“
Das konnte ich nachempfinden. Ich griff in meine Kühlbox, holte zwei eiskalte Flaschen Bier heraus und bot ihm eine an; er nahm sie gerne. Wir prosteten uns zu, und er fuhr fort sich aufzuregen. „Da hat man nun plötzlich eine so unglaubliche Fähigkeit, und nichts, rein gar nichts kann man damit anfangen. Ich habe mich nicht mal getraut, meiner Freundin davon zu erzählen. Deren Kommentar kann ich mir genau vorstellen. ‚Der Kerl kann nicht mal eine Spülmaschine einräumen, aber übers Wasser muss er laufen’ würde sie sagen.“
„Vielleicht kannst Du ja Wasser in Wein verwandeln“ schlug ich vor. „ - oder wenigstens Bier in Champagner.“
Nick brach sein Lamento ab, nahm seine Bierflasche in die Hand und konzentrierte sich völlig darauf – ungefähr eine Minute lang. Dann nahm er vorsichtig einen Schluck. Seine Miene trübte sich wieder ein. „Nein, funktioniert nicht.“
Mein Mundwerk war inzwischen schon ein Stück weiter: „… oder Kranke heilen durch Handauflegen. Guck mal hier, mein Knie.“ Ich zeigte auf mein prall geschwollenes, arthritisches Knie. Er guckte skeptisch, legte aber seine Hand darauf und hatte wieder diesen abwesenden, hoch konzentrierten Gesichtsausdruck.
Nach einer Minute ungefähr ließ die Konzentration nach, und die Hand rutschte langsam an meinem Oberschenkel hoch und landete energisch in meinem Schritt. Ich war so verblüfft, dass es einen Moment dauerte, ehe ich reagieren konnte.
„Du Scheißkerl, nimm sofort deine Finger weg! Ich habe dir doch auch so geglaubt, dass du nicht Jesus bist! - Frechheit! - Ich könnte Deine Mutter sein!“ (was leider stimmte).
Nick schaute mich mit seinen blauen Augen an. Kein bisschen Schuldbewusstsein war in seinem Gesicht zu sehen.
„Hau ab!“ zeterte ich weiter. „Trink dein Bier aus und verschwinde hier, aber schnell!“
Während er gehorsam den letzten Schluck Bier austrank, ließ er den Blick umherschweifen. Wir segelten grade an einer kleinen Bucht vorbei, in der ein offenes Motorboot vor Anker lag. Auf dem Vordeck sah man ein langhaariges blondes Wesen oben ohne in der Sonne liegen.
Nicks Miene hellte sich auf. „Das ist die erste brauchbare Anwendung für meine neuen Künste! Ich werde mal einen kleinen Besuch machen gehen.“
Vorsichtig setzte er seine Füße aufs Wasser und stapfte davon, in Richtung auf das ankernde Boot. Über die Schulter rief er mir noch zu: „… und vielen Dank noch für das Bier, du frigide Zicke!“
Nun, diesen Spruch hätte er sich sparen sollen. Ich werde ja nicht oft wütend, aber in diesem Fall schon.
Zum Glück hatte ich auch gleich die richtige Idee parat für meine kleine Rache. Ich klappte den Außenborder hinunter und startete ihn; dann gab ich so viel Gas wie möglich und fuhr auf ihn zu.
Nein, ich habe ihn nicht umgefahren, das war gar nicht nötig. Ich fuhr nur dicht hinter ihm vorbei. Ein Jollenkreuzer mit 5 PS-Außenborder kann keine große Welle machen, aber die kleine reichte auch: in dem Augenblick, als sie seine Füße erreichte, sackte er ab wie ein Stein. Prustend und schimpfend tauchte er wieder auf.
Jetzt war es an mir, zu grinsen und fröhlich zu winken. Ein Rest dieses Grinsens war sogar noch übrig, als die „SEEROSE“ längst wieder angebunden in ihrer Box lag.
Ich habe nie jemandem diese Geschichte erzählt. Genauso wie Nick wollte ich nicht als Spinnerin dastehen. Und in Presse und Fernsehen ist auch nie jemand erwähnt worden, der übers Wasser gehen kann. Also habe ich mich mit mir selber auf die Lesart geeinigt, dass wohl zwei Flaschen Bier in praller Sonne meine Einbildungskraft überreizt haben.
Komisch nur, dass mein Knie schon am selben Abend abgeschwollen war und seitdem nie wieder wehgetan hat.